Ach ja, der 6. Ostseeradmarathon ist vorüber und ich lebe noch. Schön, oder? Eigentlich habe ich ja so meine Probleme mit welligen Kursen, der Freundeskreis der Hangabtriebskraft lässt grüßen. Heute war es aber ein wenig anders und ich bin happy. Aber alles schön er Reihe nach.
Nach meinem für mich nicht ganz zufrieden stellenden Abschneiden beim Marathon ab HH-Poppenbüttel, suchte ich zunächst das Gespräch mit Felix. Sein Rat: „Fahr das Ding von vorn, solange Du es kannst“. Klang damals ein wenig bescheuert für mich aber warum nicht. So entstand also das Ziel Sub-Seven-Hours und wenn ich mir dafür die Seele aus dem Leib fahren müsste. Ich war entschlossen unter 7 Std. zu finishen. Es folgte ein derber Fünftageblock, bei dem ich mich fast aus den Latschen fuhr und mir zu allem Übel auch noch Knieschmerzen (Links und Rechts) einhandelte. Auf die MTB-Einheit verzichtete ich daher und stieg erst in Oeversee wieder aufs Rad.
Wer mich kennt, der weiß, ich war wieder viel zu früh am Start. Mittlerweile stört mich so was nicht mehr, denn es schadet nie, den Streckenplan zu kennen und alles in aller Ruhe in die Wege zu leiten. Vor allem musste ich ja in meine lieblichen, grauen Kniebandagen klettern.
Pünktlich um 7.30 Uhr ging es los. Mein Ziel war es, bis zur ersten Versorgung in der 1. Gruppe zu bleiben und so ordentlich Meter zu machen. Aus Oeversee heraus begleitete uns ein Streifenwagen. Als der uns verließ sollte die Show beginnen. Die Spitzengruppe bestand noch aus gut 30 Fahrern, die zum Teil mit dem Edelsten, was der Radsportmarkt zu bieten hat, unterwegs waren. Kurz um, ich fühlte mich wohl. Gesprochen wurde wenig, aber dafür war das Tempo eh zu hoch. Es ging im Flachen recht kurvenreich über kleinste Straßen, die aber alle in einem Topzustand waren zur ersten Kontrolle nach Hüning. Diese erreichten wir in Rekordzeit bei Kilometer 25. In Rekordzeit ging es dann auch schon wieder weiter. Ich meine, keine drei Minuten gestanden zu haben.
Da alle Fahrer sich auf den Weg machten, beschloss ich weiterhin in der Spitzengruppe mein Glück zu suchen. Es lief recht gut. Bei Kilometer 42 kam dann die zweigeteilte rumpelige Kopfsteinpflasterpassage, die mir im Vorjahr einen Platten beschert hatte. Was jetzt abging war nur krass. Ein Fahrer der RG-Uni-Hamburg fuhr als erster in die Passage und erhöhte das Tempo aufs Schärfste. Ab Tempo 40 merkte man die Unebenheiten auch kaum noch. Wir fuhren sicherheitshalber so um die 45 km/h. Irgendwie war ich der Meinung, auch anziehen zu müssen und so verließ ich das üble Geläuf auf Platz 4. Wie ich finde ganz ordentlich. Gewartet wurde nicht.
Über Sieverstedt und Ülsby erreichten wir die zweite Kontrolle in Satrup. Dort war man über unser frühes Erscheinen derart überrascht, so das noch niemand zum Stempeln abgestellt war. Der kluge Radfahrer hilft sich also selbst, da der Stempel ja auf einem Tisch parat lag. Wieder war der Stop nur von kurzer Dauer. Der Schnitt lag nach diesen ersten 61 Kilometern bei gut 35 km/h. Wer der Meinung ist, eine RTF sei kein Rennen, der möge nun nicht mehr weiterlesen und sich wieder hinlegen.
Im Eiltempo ging es nun weiter. Ausacker, Munkbrup und Ulstrup waren nun die Orte des Geschehens. Die Gruppe funktionierte perfekt und das Tempo wurde immer wieder von den drei Mann der RG-Uni-Hamburg gemacht. Der Rest der nun ca. 16 Mann großen Horde hatte aber auch mächtig Druck auf dem Pedal. Leider wurde der Kurs nun welliger und ich merkte, wie sich der Zeitpunkt nährte, an dem ich aus der Gruppe fallen würde. Kurz vor Langballig kam dann ein fieser Anstieg, der mir gewaltig in die Beine ging. Er endete aber zu meinem Vorteil in der totalen Verwirrung der Gruppe, denn an der Kreuzung kurz hinter dem Kulminationspunkt hing kein Wegweiser. Waren wir richtig? Natürlich nicht. Schnell erkannte ein Fahrer aus Wesseln die Lage und führte uns auf den rechten Pfad zurück. Am Fusse der Steigung hätten wir links abbiegen müssen, aber man nimmt ja gern jeden Höhenmeter mit.
Bei Kilometer 88 folgte die nächste Kontrolle und große Pinkelpause. Dann ging es in gewohnter Manier weiter. Und es nahte der Zeitpunkt, mit dem ich schon seit gut 50 Kilometern gerechnet hatte. Wir verließen Langballig und donnerten mit über 60 Sachen eine Abfahrt zur Ostsee herunter. Im Flachen sank das Tempo etwas und dann kam der Anstieg nach Westenholz hoch. Mit über 50 km/h ging es in die Steigung. Ab der Mitte platzten dann meine Beine und ich musste abreißen lassen. Ich war so breit, dass ich sogar vorn aufs 30ziger Blatt schalten musste. Aber auch diese Wand hatte ein Ende. Die Gruppe fuhr nun gut 150 Meter vor mir. Ich schaffte es allerdings nicht mehr dieses Loch zu zufahren. Mein Tacho stand bei 36 km/h und der Abstand wurde nicht kleiner. Als mein Puls bei 190 Schlägen lag, ließ ich die Gruppe ziehen, denn es hatte ja keinen Sinn, sich restlos zu verausgaben, da ja noch über 100 Kilometer zwischen mir und dem Ziel lagen.
Ich fuhr nun mein Ding und wechselte erst mal von Kette rechts aufs 42ziger Blatt. Es rollte nun ganz anständig. Das ich nun allein war und der Wind zunahm, war wohl der Preis, den ich für die rasante Fahrt zahlen musste. Es folgte also der Soloritt à la CSC, die ich ja schon in Poppenbüttel geübt hatte.
Nach einiger Zeit erblickte ich vor mir einen Fahrer, der wohl auch zurück gefallen war. Ich suchte nun die Chance in der Not. Zu zweit ist allemal besser als allein im Wind. Bis ich den guten Mann schließlich eingeholt hatte, vergingen gut und gern sechs Kilometer. Bis zur nächsten Kontrolle bei km 116 blieben wir zusammen. Alles funktionierte wortlos. In der Führung wechselten wir gut durch und zogen uns so gegenseitig über die Straßen. Nach einer Zeit brach das Schweigen und wir stellten uns vor. Christian fuhr übrigens ein Hammerding von einem Merlin. Einfach mit alles das Teil.
An der Kontrolle in Sörup gab es schließlich die warme Verpflegung, die zusammen mit reichlich Cola meine Lebensgeister und die Willenskraft erneut weckte. Weitere Marathonfahrer trafen ein und so bildete sich eine Gruppe. Unter den Fahrern war auch Calli, den ich zunächst gar nicht erkannt hatte. Schnell noch den Trinkrucksack aufgefüllt und weiter ging es.
Die Gruppe wollte etwas ruhiger fahren und so um die 30 Sachen pendeln. Das klappte aber nicht wirklich. Wir fuhren in der Reihe und machten ganz ordentlich Druck. Auch hier schenkte sich niemand etwas. Zügig durchquerten wir Rügge, Wittkiel und Faulück. Wir fuhren nun an die Schlei und erreichten bei Kilometer 151 die nächste gutgerüstete Versorgung. Als ich in die Runde fragte, ob wir weiterhin soviel Alarm machen wollten – ich merkte meine Knie nun doch – wurde dies aufs Heftigste verneint. Fast alle wollten nun einen Zacken heraus nehmen.
Wir wählten also eine gemütliche Zweierreihe und erste Gespräche kamen auf. Ich glaube, jeder genoss zunächst die neue Entspanntheit. Meine Knie jedenfalls fanden es klasse. Bis kurz vor der Kontrolle bei Kilometer 184 hielt die Ruhe an, dann bildete sich wieder die Reihe und das Tempo wurde angehoben. Unser Fahrer aus Lübeck beendete diese Situation aber relativ zeitnah. Er stürmte an die Spitze und senkte das Tempo.
Nach der Kontrolle waren wir noch zehn Mann. Calli und einen weiteren Fahrer zog es mächtig ins Ziel. Nach kurzem Lagescheck ließen wir sie ziehen, wobei nur Calli sich wirklich absetzten konnte. Nun ging auch dieser Marathon langsam zu Ende. Geweckt wurden wir aber im letzten Anstieg. Es gab einen mächtigen Knall, ich dachte zunächst an einen Schuss, und unser Mitfahrer aus Büdelsdorf fiel zurück. Dies geschah so bei Kilometer 202. Was war passiert?
Irgendwie war die Achse des guten Mannes in der Steigung gebrochen und hatte sich mit Getöse verabschiedet. Die Gruppe verkleinerte sich nun erneut. Zwei Fahrer machten sich allein auf die Socken. Der Rest inkl. meiner selbst blieb bei unserem Gestrandeten zurück. Abwechselnd wurde er nun von uns anderen bis ins Ziel geschoben. Ein wenig konnte er sogar noch mit einem Bein mittreten. Zum Glück gab es keine Steigungen mehr.
Im Ziel schaute ich gleich auf die Uhr. Projekt Sub-Seven-Hours war ein voller Erfolg. Mit einer reinen Fahrzeit von 06:31:13 erreichte ich nach 208.84 km und einem Schnitt von 32,4 km/h überaus zufrieden das Ziel. Noch zufriedener wurde ich, als ich feststellte, dass ich meine Fahrtzeit aus dem Vorjahr um eine glatte Stunde unterboten hatte. Ha, der Plan ist mehr als aufgegangen und die Taktik war wirklich gut.
Jens

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